Die Raupe wird zum Drachen

Ein Blogpost von Stefan Milius

Raupe Drachen

Qualitativ hochstehende Spielsachen haben kaum ein Verfalldatum. Das Interesse der Kinder an den Dingen allerdings schon. Was in einem gewissen Alter Freudenschreie hervorruft, langweilt den Nachwuchs wenige Monate später vielleicht bereits. Es sind jedenfalls wenige Fälle von Zehnjährigen überliefert, die noch frenetisch mit einer Ba-byrassel spielen.

Was tun? Wegschmeissen kommt für viele Eltern nicht in Frage. Der Beissring, auf dem der Erstgeborene herumgekaut hat, ist emotional dermassen aufgeladen, so was wirft man nicht in den Kehricht. Die einfachste Recycling-Möglichkeit von Spielzeug ist die Produktion weiterer Kinder. Aber wer macht schon ein Dutzend Kinder, um den Teddy-bär im Wert von CHF 29.90 möglichst lange einsetzen zu können? Weiterverschenken ist auch eine schöne Möglichkeit, aber seien wir ehrlich: Heutzutage hat doch jeder alles schon.

Die Lösung des Problems: Die Spielsachen nach dem Gusto des älterwerdenden Kindes umgestalten oder gleich ganz einer neuen Nutzung zuführen. Die erwähnte Baby-Rassel beispielsweise wird zum coolen Schlaginstrument für die Haus-Band, wobei sie dafür vielleicht einen neuen Farbanstrich braucht (Hardrock-Drummer spielen nicht mit Rosa). Holzspielzeug lässt sich ebenfalls perfekt bemalen und wird so visuell für die nächste Altersgruppe wieder interessant. Die schnucklige Holz-Lokomotive beispielsweise ist mit einem Totenkopf-Motiv perfekt als Geisterzug. Der Plüsch-Tausendfüssler wiederum verwandelt sich mit etwas kosmetischer Gesichts-Chirurgie mit Nadel und Faden von einem herzigen Einschlafkameraden zum wilden Drachen. Es reicht, wenn man das lieb-liche Lächeln im Gesicht zur bösen Fratze stickt – einfach Mundwinkel nach unten zie-hen.

Klar: Es gibt auch grössere Herausforderungen. Wer schulpflichtigen Kindern eine Ba-by-Spiellandschaft aus einem wuscheligen Teppich mit Stoff-Gestänge und Klettver-schlüssen «verkaufen» will, muss sich etwas einfallen lassen. Oder auch nicht. Eine Decke drüber werfen, und schon hat man eine Piratenhöhle. Die ist so dunkel, dass die inzwischen als peinlich empfundenen Hello-Kitty-Motive nicht mehr zu sehen sind.

Übrigens: Nehmen Sie permanente Veränderungen an Babyspielsachen bitte erst vor, wenn Ihre Familienplanung abgeschlossen ist. Denn aus dem feuerspeienden Tatzel-wurm wieder die niedliche Plüschraupe zu machen ist leider weit komplexer als der um-gekehrte Weg.

Stefan Milius